Teil 4: Hobbingen

Jan 232010

Das Auenland hat eine Adresse.

06:45 Uhr

Kurz vor sieben scheint unsere Zeit zu werden. Obwohl wir heute erst gegen 11:00 Uhr am Treffpunkt der ersten Tour sein müssen.

Das Wetter und der Wind am Vorabend haben definitiv Wirkung gezeigt. Auf dem Campingplatz, gestern noch voll belegt, zeigen sich heute morgen große Lücken. Die Ruderer sind auch schon wach. Ab halb Acht hört man den Sprecher die ersten Startaufstellungen durchsagen. Wir begeben uns ebenfalls in die Startlöcher.

Die Fahrt in die Gegend von Matamata führt uns über den Staudamm, dem Lake Karapiro seine Entstehung verdankt. Aus der Nähe betrachtet, macht das Bauwerk keinen so soliden Eindruck mehr. Der Zahn der Zeit hat sichtlich genagt. Zwar weißt ein Schild noch auf entsprechende Sicherheitsmaßnahmen hin, doch ist zu bezweifeln, ob dieser Zaun in den letzten Jahren unter Hochspannung stand.

Als Peter Jackson und New Line Cinema im September 1998 von der Luft aus Ausschau nach geeigneten Drehorten hielten, entdeckten sie die Farm der Familie Alexander in der Nähe von Matamata. Seitdem hat das Auenland (engl. The Shire) eine Adresse: 501 Buckland Road, Matamata, Neuseeland.

Während wir auf den Beginn der Führung warten, erzählt die Bedienung im Auenland-Kaffee von der ersten Begegnung zwischen Jackson und dem Farmer:

Direkt nach dem Überflug sei Jackson gelandet und auf der Alexander-Ranch vorgefahren. Nachdem der dem Farmer ausführlich erklärt hatte, was er von ihm wolle und daß es sich um die Dreharbeiten eines wirklich außergewöhnlichen, internationalen Films handele, habe ihn der Farmer weggeschickt mit den Worten: Ich habe gerade keine Zeit. Im Fernsehen läuft Ruggby. Sie können ja morgen nochmal kommen, wenn es wichtig ist.

Unterdessen nimmt auf dem Nachbargrundstück eine Reihe Oldtimer Aufstellung. Wir werden den Tross heute noch häufiger zu sehen bekommen denn Mr. Alexander persönlich hat zum Stamstags-Tee geladen und fährt auch selbst mit. Wenn Ihr also allerhand Schlepper, Trecker, Bulldogs und alte Autos auf unseren Bildern von Mittelerde seht: Wundert Euch nicht.

Die Bilder, die wir sozusagen im Vorbeifahren von den Fahrzeugen machen konnten, findet Ihr in einer eigenen Galerie.

Ein kleiner Bus bringt uns dann an unser Ziel: Hobbingen (engl. Hobbiton), Auenland.

Der fantastische Ausblick und das hügelige Farmland ließen Jackson und sein Team sofort an Mittelerde denken. die Farm war perfekt für ihr Zwecke.

Allerdings zogen sich die Verhandlungen mit der Familie Alexander über sechs Monate hin. Im März 1999 begann dann schließlich der Aufbau des Drehorts.

Zunächst wurden schwere, von der Neuseeländischen Armee zur Verfügung gestellte, Erdbaugeräte eingesetzt. Die Armee wurde auch verpflichtet, eine 1,5km lange Straße in das Grundstück zu bauen und das Gelände (mit Baggern, Bulldozern, Radladern, Lastern, Walzen, Straßenhobeln und Moxy-Kippern) vorbereitend zu erschließen. Diese Schotterstraße mußte täglich dem Gewicht von 120 LKW mit einem Gewicht von je 44 Tonnen standhalten – bei Wind und Wetter.

Berberitzenhecken und Bäume wurden herangeschafft. Da man im Sommer drehen wollte, mußten diese über den Winter hinweg gepflegt werden. Aus unbehandeltem Bauholz, Schichtholz und Styropor wurden 37 Hobbit-Höhlen konstruiert. Die Mühle und die doppelbogige Brücke wurden aus Gerüsten, Schichtholz und verklebtem, angestrichenem Styropor errichtet. Die Binsen für die Reetdächer der Mühle und der Gastwirtschaft wurden in der Umgebung der Alexander-Farm geschnitten.

Täglich wurden bis zu 400 Menschen mit drei mehrgängigen Mahlzeiten versorgt. Insgesamt zogen sich die Baurbeiten über neun Monate hin. Um die wirtschaftlichen Interessen der Produktionsfirma nicht zu gefährden, unterlagen während der Bauarbeiten und auch während des Drehens selbst alle Aktivitäten am Drehort strengen Geheimhaltungsvorkehrungen. Die Dreharbeiten selbst begannen im Dezember 1999 und dauerten drei Monate.

Jackson hat später zu den Alexanders gesagt: Die Kiefer am See, die im Film als “Festbaum” bekannt wurde, habe ihn zur Landung veranlaßt. Ursprünglich wollte er die Auenland-Szenen an mehreren Orten drehen.

Bei einem zweiten Besuch jedoch, bei dem er ohne die Produktionsfirma unterwegs war, entschied er sich, den anderen Drehorten abzusagen und ausschließlich bei den Alexanders zu filmen. Hierfür gab es zwei trifftige Gründe:

Zum einen ist an besagter Stelle kein Zivilisationslärm zu höhren. Das erleichtert die Arbeit ungemein, müßte diese beispielsweise bei regelmäßig darüber hinwegziehenden Flugzeugen ständig unterbrochen werden. Zum anderen sind auch weit und breit keine sonstigen Anzeichen der modernen Welt sichtbar. Es gibt eine kleine Ausnahme. Das entsprechende Bild ist in der Galerie markiert. Viel Spaß bei der Suche!

“Heute ist mein Hundertelfzigster Geburtstag.

Nun sind 111 Jahre eine viel zu kurze Zeit um unter so vortrefflichen Hobbits zu leben.

Ich kenne die Hälfte von Euch nur halb so gut wie ichs gern möchte und ich mag die Hälfte von Euch nur halb so gern wie Ihrs verdient.”.

An dieser Stelle begrüßte Bilbo Beutlins die Gäste seiner Geburtstagsfeier um dann, mit Hilfe des einen Rings, zu verschwinden um sich zu den Elben aufzumachen.

Bei der Betrachtung der Bilder in der Galerie wird auffallen, daß die große Eiche fehlt, die ganz oben auf Beutelsend steht, der Wohnung der Beutlins.

Auf der Alexander-Farm gibt es keine Eichen. Peter Jackson, als Detail-Fanatiker bekannt, bestand jedoch auf einer echten Eiche. Also wurde diese für die Aufnahmen extra aus Matamata herantransportiert.

Die Eiche wog insgesamt 26 Tonnen, wurde nummeriert, zersägt und hier wieder aufgestellt. Da der Baum an sich bereits abgestorben war und ohnehin von seinem ursprünglichen Standplatz entfernt werden sollte, war da kein großer Schaden für die Umwelt.

Allerdings bereitete gerade dies Jackson weitere Probleme: Abgestorbene Bäume, zumal wenn sie schon länger tot sind, haben keine Blätter mehr. Jackson lies daraufhin künstliche Blätter aus Taiwan importieren und mittels Draht einzeln an der wiedererstandenen Eiche befestigen.

Lesslie, unsere Führerin weiß fast zu jedem Baum und Strauch eine Geschichte zu erzählen. So auch die vom Herr-der-Ringe-Bier. Alles, was die Schauspieler im Film essen und trinken, sind echte Lebensmittel. Jackson war der Meinung, daß man beim Biß ein eine Gänsekeule nur ein glückliches Gesicht machen kann, wenn man eben in eine echte Keule beißt.

Das bezieht sich auch aufs Bier. Nun wird aber im Film eine ganze Menge an Bier getrunken. Damit die Dreharbeiten nicht ausuferten, ließ er ein spezielles Film-Bier brauen – mit 1% Alkohol.

Das Bier gibt es zu kaufen. wir verzichten dankend. Aber irgendwann ist die Führung dann zu Ende und ein Bus, älter als Mittelerde selbst, bringt uns wieder zum Auenland-Kaffee zurück. Eigentlich hätte der Bus auch gut bei der Oldtimer-Fahrt dabei sein können.

Jan 232010

Mittelerde liegt auf einer Schaf-Farm.

13:00 Uhr

Nahtlos wartet die zweite Tour auf uns. Die Alexander-Farm beherbergt auf mehr als 500 Hektar Land ca. 12.000 Schafe.

Statistisch gesehen sind das 24 Schafe pro Hektar oder 0,24 Schafe pro Ar oder 8 Schafe pro Tagewerk bzw. 4,8 Schafe pro Morgen Land.

Die eigentliche Farm liegt auf dem Hügel gegenüber aber hier auf dem Parkplatz ist ein Stadl mit Vorführ-Gerätschaften aufgebaut. Also lassen wir uns gerne zeigen, wie die Schafschur funktioniert. Das erste Staunen: Die Ausbildung als Schaf-Scherer dauert volle vier Jahre.

John erklärt uns, das Schafe scheren in Neuseeland ein großer Sport ist. Selbst internationale Wettbewerbe bis hin zur Weltmeisterschaft werden ausgetragen – auch bei uns in Deutschland. Hierbei zählt nicht nur Tempo. Pro Verletzung, die das Schaf erleidet, gibt es empfindlichen Punktabzug.

Man erklärt uns die Grund-Techniken: Die rechte Hand führt die Maschine, alle anderen Extremitäten halten das Schaf in Position. Knie, Ellbogen, Fersen und Fußzehen, alles kommt zum Einsatz.

Daher bevorzugen die Arbeiter weiche Schuhe ohne Sohle. Die Tiere sollen bei der Prozedur nicht verletzt werden.

Und schon naht der Hauptdarsteller. Das Schaf ist sechs Monate alt und bekommt heute seine erste Rasur.

Wiederum geht ein Raunen durch die Besucher, hat man doch erwartet, daß das Schaf sich wehrt, aber weit gefehlt. Alles bleibt friedlich.

Die Schafe in dieser Gegend sind relativ klein von Statur. Maximal 3kg Wolle gibt ein Schaf pro Jahr. Wie würde unser Loddar sagen: Again what learned.

Bei der Schur arbeitet man unter der Felldecke und sieht nicht, wo man gerade schneidet. John erklärt uns, daß man die Maschine daher zart mit den Fingern führt, wie einen teuren Füllfederhalter.

Seine Demonstration ist mehr als eindrucksvoll. In weniger als einer Minute ist das Schaf nackt. John schert dabei langsam, sagt er, damit wir auch alles sehen.

Auch von diesem Erlebnis gibt es Bilder und auch einen Film. Letzteren stellen wir nach unserer Rückkehr hier ein, da er erst in ein Internet-taugliches Format umcodiert werden muß.

Und dann darf jede der anwesenden Damen noch ihr ganz persönliches Lämmchen füttern.

Das ist natürlich der Höhepunkt der Tour.

Jan 232010

Weiter in den Hexenkessel von Rotorua.

14:20 Uhr

Wir verlassen diese schöne Gegend und fahren weiter nach Rotorua wo wir die nächsten beiden Tage verbringen werden. Unterwegs bestücken wir den Kühlschrank mit Steaks, Spießen und Minz-Pflanzerln. Heute Abend wird gegrillt.

Am Blue Lake TOP 10 Holiday Park angekommen, haben wir Glück. Es ist Wochenende, auch hier wird um die Wette gerudert und es ist gerade noch ein Stellplatz für uns frei.

Gegrillt wird hier elektrisch. Mal was Neues. Als begeisterer Anhänger der Holzkohle-Theorie bin ich skeptisch aber es mangelt an Alternativen. Die Reinigung des Edelstahl-Gemeinschaftsgrills ist eine Katastrophe. Ein ordinäres Grillrost ist da pflegeleichter. Am Ende schmeckt es doch prima und wir freuen uns auf den morgigen Tag.

Einen Nachteil hat der Camping-Platz hier: An Mobilfunk-Netz ist nicht zu denken und auch der Internet-Zugang nimmt sich Zeit bzw. ist an unserem Stellplatz nicht verfügbar.

Aber etwas anderes, ist da: Deutsche. Und es wird noch besser. Ratet mal, wo die beiden her kommen? Schweinfurt! Da hätten wir nicht nach Neuseeland fahren brauchen – Bibione hätte es auch getan.

Hier am Blue Lake bleiben wir für zwei Nächte.

2 Antworten to “Teil 4: Hobbingen”

  1. Klaus Eichert sagt:

    Hallo Uwe mit Frau, hier schreibt die Heimat aus Neubrunn. Ich finde dein Tagebuch sehr schön, nachdem ich es heute gelesen habe, möchte ich dich Fragen welchen Titel der Film hat der an diesem Ort gedreht wurde.
    Uwe vielleicht kannst Du ja mal versuchen einen Fisch zum Abendessen für Euch zu fangen, weiterhin noch viel Vergnügen bei eurer Reise, ich werde sie weiter Verfolgen.
    Gruß
    Klaus und Irmgard

  2. Uwe sagt:

    Hallo Klaus,

    der Film heißt “Der Herr der Ringe” nach dem Buch von J.R.R. Tolkien. Im Dezember 2002 lief der erste Teil “Die Gefährten” in den Kinos, ein Jahr darauf der zeite Teil “Die zwei Türme” und der letzte Teil “Die Rückkehr des Königs” wiederum ein Jahr später, im Dezember 2004 raus.

    Das mit dem Fisch fangen überlassen wir den Profis *lach*. Wer hier die Profis sind, erfahrt ihr im Teil 8.

    Schöne Grüße aus Wellington an alle
    von Jenny und Uwe.

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